Das Google-Imperium by Reppesgaard Lars
Author:Reppesgaard, Lars
Format: epub
Publisher: Murmann Verlag
Amerikaner in Europa
Im März 2007 rekrutierte Google auch in Europa verstärkt Fachleute, um bei der Mitgestaltung politischer Rahmenbedingungen eine stärkere Rolle als bisher zu spielen. Das Unternehmen suchte in Hamburg, Berlin und in zahlreichen anderen europäischen Großstädten politikerfahrene Juristen für die Lobbyarbeit. In der Bundespolitik ist Google im Mai 2008 mit der Eröffnung eines Berliner Büros angekommen, die mit einem freundlichen Abendprogramm mit Vertretern aus Politik, Verbänden, Wirtschaft und Medien gefeiert wurde.
Für Googles Europa-Lobbyisten sind Urheberrechtsgesetze ein wichtiger Arbeitsbereich. Die zentrale Rolle spielt aber – wie bereits angedeutet – das Thema Datenschutz. Googles vielfältige Methoden, Nutzerdaten zu sammeln, zu speichern und zu verarbeiten, rufen nicht nur Privacy-Aktivisten in den Vereinigten Staaten auf den Plan. Die Datenschutzbeauftragten vieler Mitgliedstaaten der Europäischen Union gehören zu den notorischen Kritikern des Suchmaschinenriesen. Sie beanstandeten |143|unter anderem die lange Lebensdauer der »2038«-Cookies. Europas Datenschützer sind in der sogenannten Artikel-29-Gruppe zusammengeschlossen. Mit ihr liefern sich Googler wie Peter Fleischer in der Öffentlichkeit intensive Diskussionen, und oft haben ihre Vorstöße den Effekt, dass Google neue Regelungen zum Schutz der Privatsphäre einführt. Die Lebensdauer seiner Cookies hat Google etwa nach öffentlichem Druck im Juli 2007 reduziert. Seitdem laufen sie nach zwei Jahren ab – vorausgesetzt, man surft nicht erneut eine Google-Seite an. Dann beginnt die Uhr neu zu ticken. »Google-Nutzer bekommen ihre Cookies automatisch erneuert«, teilte Peter Fleischer lapidar mit.
Ein aktueller Streitpunkt ist die Frage, ob IP-Adressen personenbezogene und damit besonders schützenswerte Daten sind. Wie viele Unternehmen aus der Internetwirtschaft – und im Gegensatz zu den EU-Datenschützern – ist Google offiziell der Auffassung, dass sie es nicht sind. Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Frage, wie lange Google Suchanfragendaten aufbewahren sollte. Im Juni 2007 kündigte Peter Fleischer an, dass Google als erste große Suchmaschine seine Log-Files nach 18 Monaten anonymisiert. Bis dahin hatte Google die kompletten Daten zwei Jahre lang aufbewahrt. Im April 2008 kam die Artikel-29-Gruppe nach Untersuchungen allerdings zu dem Ergebnis, sie sehe keine Basis dafür, Suchanfragen länger als sechs Monate zu speichern.
Wie andere große Unternehmen hat Google mittlerweile gelernt, derartige Kritik auf zwei Ebenen zu beantworten: Fachlich ist man bereit, über Detailvorschriften zu diskutieren. Zugleich sieht es von außen so aus, als gehöre es zur Strategie von Google, Gesetze, die das eigene Geschäft erschweren, öffentlich zur Disposition zu stellen. Genau wie Chemieunternehmen regelmäßig bezweifeln, ob bestimmte Grenzwerte noch zeitgemäß sind, oder Handelsriesen Kennzeichnungspflichten in Frage stellen, argumentiert Google im Ton entgegenkommend, aber in der Sache grundsätzlich gegen gesetzliche Datenschutzregelungen.
Die Googler sind der Auffassung, dass sich viele Vorschriften aus dem traditionellen Datenschutz nicht in die Onlinewelt übertragen lassen. Immer größere Teile des Lebens sind online anhand von E-Mails, Blogeinträgen, Fotos in virtuellen Fotoalben und mit Hilfe der Standortdaten |144|aus dem Mobiltelefon nachvollziehbar. Die Daten, die dabei gesammelt werden, könnten aber, sagt Google-Chef Eric Schmidt, in Sekundenbruchteilen rund um die Welt transferiert werden, so dass nationale Regelungen zum Schutz persönlicher Daten nicht mehr greifen. »Darum glaube ich, dass es wichtig ist, dass wir neue Regeln für die Privatsphäre entwickeln, um die zunehmend transparente Welt, die heute online entsteht, zu verwalten.
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